Über Gefühle sprechen lernen

Es ist simpel, und doch fällt es uns oft wahnsinnig schwer, aus dem Herzen miteinander zu sprechen. Offen zu kommunizieren. Ehrlich zu sein. Hier ist ein schnelles fünf Schritte Programm, das dich aus deiner Unmündigkeit heraus holt.

Ich hadere immer wieder damit, offen und ehrlich zu sprechen und ich weiß auch, woher es kommt. In meiner Jugend wurde mir oft der Mund verboten.

Sag nichts!”, Darüber wird nicht geredet!” oder Das behalten wir für uns!”, sowas habe ich total oft gehört. Und so unüblich ist das nicht. Durch meine Freunde habe ich gelernt, dass auch in anderen Familien nicht frei über Gefühle gesprochen wurde. Vorallem über schlechte Gefühle. Diese wurden und werden unterdrückt. Heruntergeschluckt. Vor allem Frauen fressen generell viel in sich hinein. Und das Schlimme ist, es ist irgendwie normal.

Frei sprechen – hast du es gelernt?

Es ist normaler, die Zähne zusammen zu beißen, sich zusammen zu reißen und Dinge hinzunehmen, anstatt offen darüber zu sprechen. Schaue ich mir mal mein Umfeld an… Wow. Was da geschwiegen wird. Und dann platzt es aus uns heraus. Irgendwann. Kein Wunder, oder?

Das mag man vielleicht nicht denken. Aber von dem, was ich in meiner Kindheit und Jugend gelernt habe, bin auch ich eher schweigsam. Allerdings habe ich begriffen, dass mich das Schweigen von Menschen entfernt, anstatt mich Ihnen näher zu bringen. Also habe ich angefangen zu sprechen: über meine Bedürfnisse, über Gefühle. Über mein Ängste. Über alles, was mich bewegt.

ABER, und so ist es mit allen Dingen, die wir gelernt haben: Sie passieren nicht automatisch. Das freie Sprechen passiert für mich nicht einfach. Ich muss mich oft daran erinnern, dass ich es DARF. Ja tatsächlich! DASS ich es DARF. 

Je länger man neue Angewohnheiten trainiert, desto schneller gehen Sie in Fleisch und Blut über. Aber man muss sie trainieren und üben. Und das Leben gibt mir und dir ganz genauso immer wieder neue Möglichkeiten, das Schweigen zu brechen und offen zu reden.

Ganz ehrlich: Wenn ich es tue, also wenn ich frei spreche mache ich ausschließlich positive Erfahrungen. Meine Herz zu Herz Verbindung zu den Menschen wird größer. Die Nähe vertrauter. Die Liebe ganz einfach. Und doch ich sehe mich manchmal von Außen und bin erstaunt, wie viel Angst mir das offene Wort hin und wieder bereitet.

Was wir gelernt haben, steckt tief in uns. Bricht man gelernte Glaubenssätze, ist es fast so, als würde man seine eigene Wahrheit verraten. Hinzu kommt, dass die Gewohnheit so groß ist. Was wir gewohnt sind, ist leichter, als das Unbekannte… das Neue.

Überwinde dich ! Lass es raus !

Wir müssen also raus aus der Komfortzone. Den Kitzel im Bauch ertragen. Die Angst überwinden. Rein in das unberührte Terrain. Dort wartet mehr Leben. Mehr Liebe. Und Trennung hört auf. Denn egal, was die Wahrheit ist, sie macht uns frei. Frei vom Grübeln. Frei von der Angst vor der Wahrheit. Frei von Vermutungen, Unterstellungen, Annahmen über den anderen. Die Wahrheit spart Zeit und Energie.

Ich mag dich heute ermutigen zu sprechen. So wie ich mich immer wieder ermutige zu sprechen. Manchmal gelingt es mir. Manchmal nicht. Dann versuche ich es erneut. Ich fühle mich oft wie ein Yogi, der versucht eine schwierige Position, zum Beispiel die Krähe, eine Balanceübung, zu meistern. Beim ersten Versuch scheint es noch total unmöglich zu sein. Mit einem Schmunzeln und einem Ne, ich kann es nicht!” wird der Versuch schon abgetan. Aber dann: bleibt der Yogi dran, trainiert er regelmäßig und versucht es immer wieder, wird er die Angst vorm Fallen verlieren und in der Krähe schweben. Und lachen. Vor Freude. Weil eigentlich nichts passieren kann. Weil die Angst nur in seinem Kopf saß.

WAS WILL AUS DIR RAUS?

Um offen zu sprechen, musst du wissen, was du sagen willst. Das ist der erste Schritt und HEY. Das kann auch der einzige Schritt für eine Weile bleiben. Du musst nicht morgen alles sagen. Aber du kannst es üben und trainieren. Schritt für Schritt. Es ist wie Laufen lernen.

Wenn du wirklich was verändern willst, nimm dir Zeit für dich und setze dich mit einem Blatt Papier und einem Stift in eine ruhige Ecke. Diese Zeit ist besser investiert, als zu grübeln und schlechte Gefühle mit sich herum zu tragen und diese in sich hinein zu fressen.

Step 1

Schreib alles auf, was du gerne mal jemandem sagen möchtest. Stelle dir die Person vor und sage ihr alles schriftlich. Nimm kein Blatt vor den Mund. Lass einfach mal alles raus.

Vielleicht erscheint es dir danach noch lächerlich, irgendetwas davon jemals tatsächlich zu sagen. Vielleicht versteckst du sogar den Brief, damit ihn bloß niemand findet. 🙂

Step 2

Lasse es ruhen. Es ist raus aus dir. Das tut schon mal gut. Jetzt kannst du es ein paar Tage sacken lassen. Es steckt nicht mehr in dir und vielleicht merkst du bereits, dass der Kontakt mit der Person einfacher ist, da du es nicht die ganze Zeit runter schlucken musst…

Step 3

Hole den Zettel wieder raus. Nimm dir einen Textmarker. Lies dir alles durch und unterstreiche, was wirklich wichtig für dich ist. Jetzt nimm dir ein anderes Blatt und formuliere, das was dir wichtig ist so, dass du dich damit wohl fühlst. Formuliere es um. Verfälsche nicht den Inhalt, aber finde eine Formulierung, die du dich durchaus trauen könntest, zu sagen. Verwende liebevolle, aber ehrliche Worte. Übe die Formulierung ein paar Mal, bis sie dir leicht von den Lippen geht.

Step 4

Sage sie dir in Gedanken, wenn du die Person das nächste Mal triffst. Vielleicht zaubern dir die Worte in deinem Kopf schon ein Lächeln aufs Gesicht oder machen den Kontakt noch leichter. Wer weiß.

Step 5

Trau dich.

Meist geht es irgendwann von allein. Du wirst es nicht mehr aufhalten können. Es ist so gewohnt und selbstverständlich geworden, dass es jetzt auch selbstverständlich aus dir heraus kann.

Sprechen kannst du also wirklich noch mal neu erlernen 😉

Und JA! Ich bin wirklich davon überzeugt, dass wir neue Verhaltensweisen üben müssen. Immer wieder. Wie der oben beschriebene Yogi. Anders geht es nicht. Von heute auf morgen ändern wir uns nicht. Wir sind im Prozess. Unser ganzes Leben lang. Aber wenn du erkannt hast, was dich aufhält und von den anderen trennt, wie mich das Schweigen, weißt du, wo der Weg lang geht. Den Weg zu kennen, ist das eine. Ihn zu gehen, das andere. Aber du musst ihn nicht bis morgen gegangen sein. Du kannst dir Zeit lassen. Wie heißt es im Buddhismus so schön: Der Weg ist das Ziel.

Genieße die Reise.

Manu

PS: Da manche meiner Texte so viel Raum für deine eigene Erfahrung lassen, mag ich heute dazu sagen: Dieser Text ist keine Ermutigung, Wut oder Hass zu adressieren. Dieser Text ist eine Ermutigung, deine Gefühle besser kennen zu lernen, um dann ehrliche, liebevoll offene Gespräche zu führen, die dein Herz erleichtern und die Verbindung zwischen dir und deinen Mitmenschen stärken. Jeder der liebt, ist bereit zu hören, was andere bewegt und traurig macht. Auch wenn ich Teil der Trauer eines Menschen bin, kann ich nur den Menschen hören, anstatt sein Leid auf mich zu beziehen. Das ist sehen und hören ohne EGO. Das ist taff, aber genauso lernbar.

 

Und jetzt du!!! Hast du Lust mir zu sagen, welche innerliche Kette für dich so schwer zu brechen ist? Fällt es dir auch schwer über Gefühle zu reden? Oder welchen inneren Kampf machst du mit dir aus? Wo bewegst du doch so stark in deiner Komfortzone, dass es eine echte Überwindung für dich ist anders zu handeln?

Hat dir der Artikel gefallen?

Gib Manu ein Eis aus:

Weiterlesen ...

Kommentare:

2 thoughts on “Über Gefühle sprechen lernen”

  1. M. sagt:

    Hallo Manu, danke für diesen tollen Text! Ich fresse oft Gefühle in mich rein und merke dann, wenn das Fass überläuft, dass ich explodiere. Ich kommuniziere dann nur noch mit „du machst IMMER…“ oder „du machst NIE…“ und das ist für mein Gegenüber oft verletzend. Ich versuche mal, deine Schritte zu befolgen, damit es erst gar nicht bis zur „Explosion“ kommt! 🙂 danke dir!

    1. Manu sagt:

      Danke dir für deine Ehrlichkeit. Schuld auf den anderen zu schieben ist so typisch für uns … und es ist der einfachste Weg … Meine Regel ist diese:
      Kann ich geben oder sagen oder tun, zu was ich den anderen innerlich auffordere und bitte? Kann ich das? Wenn nicht, bin ICH dran es zu lernen, es zu sagen oder zu tun … nicht der andere … !!! Das Leben beginnt mir DIR 🙂

Kommentar verfassen