Welchen Gedanken gibst du die Macht?

Es wird nie aufhören, dachte ich mir. Nie. Die „guten“ und die „bösen“ Geister werden in unseren Köpfen, und als Engel und Teufel auf unseren Schultern sitzen. Die Frage bleibt immer, wem wir uns lauschend zuwenden und damit Macht über unser Leben geben.

Die zwei alten Damen

Eine kleine Geschichte 

Gestern traf ich zwei alte Damen. Die erste in der Abendsonne, wir beide, wartend auf den Bus. Sie, stolze 90 Jahre, wie sie mir später erzählte, eröffnete unser Gespräch: „Die Radfahrer sind unmöglich geworden. So war das früher nicht.“ Weiter erklärte sie: „Aber die jungen Dinger können ja nichts dafür, die bekommen ja keine Arbeit, auch wegen der vielen Ausländer!“ Rechtfertigend schob sie nach, dass sie ja gar nichts gegen Ausländer habe. Da ich keine Lust auf ein „Früher war alles besser – Gespräch“ hatte, schwenkte ich thematisch um und zeigte meine Bewunderung für ihre Vitalität im hohen Alter. Sie lächelte. Aber die Verspätung des Buses blieb ihr großes Ärgernis.

Ich erkannte mich in ihr. An manchen Tagen bin ich genauso. Ich sehe weder die Sonne, noch das Wunder, das ich bin, noch das Glück auf dem Planeten zu sein. Ich suche und finde Probleme. Es gibt sie überall, sogar direkt an der Bus-Haltestelle. Dann kam er, der Bus und trennte unsere Wege. Sie stieg zuerst ein, ich kaufte noch ein Ticket. Wir verloren uns. Ich erblickte sie noch einmal weiter hinten. Sie hatte keinen der freien Sitzplätze genommen, sondern ließ sich stehend durch die Straßen schaukeln. Wie fit sie doch war. Wahnsinn.

Ich nahm Platz und checkte meine Mails. Obwohl ich die Augen auf dem Smartphone hatte, bemerkte ich, dass schon seit einiger Zeit ein Augenpaar nicht von meinem Gesicht wich. Ich schaute auf – die Frau neben mir lächelte mich zaghaft an. Vielleicht war sie 70, vielleicht älter. Ihre Augen müde, ihr Gesicht zerfallen. Sie hatte kaum Teint und schien traurig.

„Junge Dame, können Sie mir sagen, wie viel Uhr es ist?“ „Natürlich!“, antworte ich. Es war 18:12 Uhr. „Der Bus ist etwas spät dran!“, sagte ich, und nahm den Fahrtwind der 90 jährigen Lady mit in mein neues Gespräch. „Ach. Daran sind wir Berliner doch gewöhnt! Manchmal dauert es eben. Dann steigen auch Frauen mit Kinderwagen oder Behinderte zu! Da nimmt man Rücksicht. Oder?
„Ja!“, sagte ich. Ihre Worte kamen ganz zart aus dem Mund. Gar nicht bestimmend, eher liebevoll. „Mir macht es nichts aus!“, erwiderte ich. Dann trat die Stille zwischen uns, an diesem ersten wirklich schönen Frühlingstag in Berlin. 18 Grad und Sonne von früh bis spät. Das hatten wir lange nicht erlebt. Ich war auf dem Weg von Prenzlauer Berg nach Mitte, um den Abend durch die Straßen schlendernd zu verbringen. An diesen Tagen will man einfach nicht nach Haus. Der Bus bog um die Ecke. Die Frau drehte ihr Gesicht zu mir. Ich wusste, dass sie erneut etwas sagen wird. Ich schaute sie an. Unsere Blicke trafen sich. Dann schloss sie die Augen und sprach ganz langsam: „Heute war ein Tag wie im Paradies!“ Nein, sie sagte es eher so: „Heute waaar ein Tag ….wieee … im …. ….. ….. Paaaarrradiiiiissss!“ Sie sprach kindlich, mit unglaublich viel Liebe und Bewunderung. Mit Staunen und Neugier. Mit Hoffnung. Und weiter: „Man glaubt ja gar nicht, dass es nun endlich besser wird. Aber es wird jetzt besser. Jeden Tag!“ Pause. Pause. Dann erst öffnete sie die Augen wieder und strahlte mich so ehrlich und lieb an, dass ich dachte, nicht sie, sondern dass Leben selbst hätte zu mir gesprochen. Sie sprach es, fast wie eine Botschaft.

Noch eine Station lang strahlten wir uns an, dann musste ich gehen. Ich wünschte ihr alles Liebe. Sie wünschte mir einen schönen Frühling. Wir werden uns nicht mehr sehen. Aber der Moment zwischen uns war heilig.

Du entscheidest, was du siehst

War die erste nun eine Pessimistin und die zweite eine Optimistin? Oder hatte ich die 90-jährige Dame auf falschem Fuß und die andere in einem guten Moment erwischt? Das weiß ich nicht.

Ich weiß nur: ich will die Abendsonne sehen und das Paradies. Ich will nicht die Augen davor verschließen, dass der Bus nicht kommt. Aber ich will sagen: Er kommt nicht und es hat seinen Grund. Ich will nicht auf die Umstände schimpfen, ohne selbst eine Lösung zu suchen und ein Problem anzupacken. Ich will nicht denken, dass alles immer schlechter wird und früher alles besser war. Das zieht mich runter. Ich will die Welt nicht verteufeln. Ich bin hier. Ich habe „ein Ticket“ bekommen. Welch‘ ein Glück! Und DAS möchte ich sehen. Und die Abendsonne. Und das Paradies. Und dass es besser wird. Jeden Tag. Ab Jetzt!

 

Ich wünsche dir einen schönen Frühling,

Manu

Hat dir der Artikel gefallen?

Unterstütze DAILYJOYZ über das Karma-Konto:

Weiterlesen ...

Kommentare:

4 thoughts on “Welchen Gedanken gibst du die Macht?”

  1. Mathias sagt:

    Danke für deine Zeilen!

    1. Manu sagt:

      Sehr gerne. Es freut mich, wenn Zeilen auf Herzen treffen … es geht nur darum, dass wir uns alle irgendwie berühren … und ein Stück weiter tragen … Ich freue mich über dein Kommentar. Danke.

  2. Philippa sagt:

    Jede(r) hat diese heiligen Momente. Wie nehmen sie nur viel zu oft nicht wahr. Deswegen finde ich es schön, immer mal wieder daran erinnert zu werden. Danke.

    1. Manu sagt:

      Absolut. Das Leben lernt uns, den Blick für das Wesentliche zu schärfen … und erinnert uns immer wieder … so schön 🙂 Danke. dir.

Kommentar verfassen